Try i Error, Kontrolle ist eine Ausnahme
26. Januar 2026
Vernissage mit Artist Talk
In dieser Ausstellung werden Bilder und Performances als aktive Elemente eines forschenden Prozesses von Übersetzung und Interpretation begriffen. Ausgangspunkt der Untersuchung bildeten wissenschaftliche Texte, eigene Erfahrungsreflexionen sowie eine künstlerische Performance. Im Fokus stand dabei der Zufall als kontingentes Moment, dessen situative Einschreibung sich sowohl in surrealistischen experimentellen Praktiken als auch in Lernprozessen, somatischen Krisen, Beerdigungspraxen und Reenactment-Strategien manifestiert. Die ausgewählten Materialien wurden einer detaillierten Reflexion unterzogen und in visuelle wie performative Formensprachen übersetzt.
Visualisierungen und Reenactments fungieren dabei nicht lediglich als Darstellungsformate. Sie sind als gestaltende Werkzeuge der Bedeutungsverhandlung zu begreifen. Sie nehmen Inhalte aus Texten auf, erweitern, ergänzen und transformieren sie und konstituieren so eigenständige kompositorische Räume. Dabei werden Formen, Motive, Symbole und räumliche Strukturen gezielt eingesetzt, um die referierten Situationen sowohl sichtbar als auch epistemisch erfahrbar zu machen.
Das Ausmaß, in dem die visuelle und performative Erzählung mit dem Text zusammenarbeitet oder von ihm abweicht, offenbart sich in der erzeugten Spannung, die zwischen Parallelität, Verschiebung und Erweiterung oszilliert.
Text: Anamarija Batista
Dogramaci, Burcu (2018): Nachleben statt Nach-Erleben. Fotografie der Performance zwischen Bild und Spur. In: Burcu Dogramaci (Hg.): Fotografie der Performance. München: Wilhelm Fink, S. 27–51.
Gufler, Philipp (2016): Een gebeuren. Videoinstallation, 29 Min., Plexiglaskubus, HD, Sound: Colin Djukic. De Appel Arts Centre, Amsterdam. Zugleich Pressetext zur Ausstellung Een gebeuren, Galerie Françoise Heitsch, München. Online verfügbar unter: https://www.francoiseheitsch.de/exhibitions/ philipp-gufler-een- gebeuren (zuletzt geprüft: 12.01.2026)
Agger, Gunhild Moltesen / Christensen, Jørgen Riber / Kirk, Jens (Hg.) (2020): Life after lines. Tim Ingold across the humanities. Aalborg: Aalborg University Press
Die vorliegende Arbeit entstand im Rahmen der Lehrveranstaltung „Kunstvermittlung an Originalen“ und folgt einem prozessualen Vorgehen, in dem Lesen, Handeln und erneutes Schreiben ineinandergreifen. Ausgangspunkt war die Auseinandersetzung mit kunsttheoretischen Texten zu Performance, Fotografie und Nachleben, insbesondere Burcu Dogramacis Überlegungen zu Nachleben statt Nach-Erleben. Aus der Lektüre entwickelte sich eine eigene performative Arbeit, die im weiteren Verlauf reflektiert, verändert und fortgeschrieben wurde. Text und Praxis stehen dabei nicht in einem illustrativen Verhältnis, sondern bilden – im Sinne Dogramacis – ein relationales Gefüge aus Spur, Erinnerung und medialer Verschiebung.
Zentraler Referenzpunkt ist die Performance Een gebeuren von Ben d’Armagnac (1975) sowie deren Aneignung durch Philipp Gufler (2016). Beide Arbeiten thematisieren das Verhältnis von Körper, Material und Sichtbarkeit, jedoch unter jeweils unterschiedlichen medialen Bedingungen. Während d’Armagnac mit dem bemalten Glaskasten, Honig, Fliegen und dem eigenen Körper eine Situation radikaler physischer Präsenz erzeugte und Gufler diese Konstellation durch die GoPro-Kamera aus der Innenperspektive aktualisierte, versteht sich meine Arbeit als eine weitere zeitliche Einschreibung, die nicht auf Rekonstruktion zielt, sondern auf Verschiebung und Reduktion.
Dogramaci beschreibt Performance nicht als einmaliges Ereignis, sondern als etwas, das sich in medialen Überlieferungen fortsetzt und dabei stets neu konfiguriert wird. Das Nachleben der Performance ist demnach kein sekundärer Zustand, sondern ein produktiver Raum, in dem sich Zeitlichkeit, Körperlichkeit und Medialität überlagern (vgl. Dogramaci 2018, S. 27–35). An diese Überlegungen anschließend begreife ich meine Arbeit nicht als Versuch des Nacherlebens, sondern als Fortsetzung eines performativen Nachlebens, das sich bewusst auf seine eigenen Bedingungen bezieht.
Ein zentraler Eingriff meiner Re-Inszenierung besteht in der Reduktion der medialen Perspektive. Die bei Gufler eingesetzte GoPro erzeugt eine doppelte Blickstruktur, in der Innen- und Außenansicht miteinander verschränkt sind und das Erleben zugleich sichtbar und vermittelt machen. In meiner Arbeit wurde diese innere Kameraperspektive bewusst ausgeschlossen. Die Performance bleibt dem unmittelbaren körperlichen Vollzug vorbehalten und entzieht sich währenddessen der Sichtbarkeit. Erst im Nachhinein treten fotografische Spuren in Erscheinung. In diesem Sinn folgt die Technik der Situation – nicht umgekehrt. Die Sichtbarkeit der Performance entsteht verzögert und fragmentarisch und verweist auf das, was sich dem Bild entzogen hat
Die Performance wurde zweimal durchgeführt. Eine frühe, spontane Ausführung bezog zwei Fliegen ein, die sich zufällig im privaten Raum befanden. Diese Durchführung wurde nicht dokumentiert. Rückblickend erweist sich gerade dieses Ausbleiben eines Bildes als konstitutiv: Es markiert eine Leerstelle und verweist auf die Unverfügbarkeit des Ereignisses. In einer späteren Version wurde bewusst auf lebende Fliegen verzichtet. Ihre physische Präsenz wurde durch eine akustische und imaginierte Ebene ersetzt. Die Abwesenheit der Fliegen wird so selbst zu einem zentralen Moment der Arbeit – als erinnerte, antizipierte und körperlich spürbare Präsenz. Im Sinne Dogramacis verschiebt sich der Fokus vom Sichtbaren auf das, was als Spur, Vorstellung und Affekt weiterwirkt.
Formal äußert sich diese Reduktion in der Entscheidung für Linien statt flächiger Abtragungen. Die Oberfläche wird nicht vollständig freigelegt, sondern durch lineare Spuren geöffnet. In Anlehnung an Tim Ingold lässt sich die Linie dabei nicht als linearer Ablauf verstehen, sondern als Spur einer Bewegung, als zeitliche Einschreibung eines Prozesses. Auch hier geht es weniger um ein Ergebnis als um das Sichtbarwerden eines Vollzugs.
Die digitalen Fotografien fungieren nicht als dokumentarischer Abschluss, sondern als weitere Umschrift der Performance. In Anlehnung an Dogramaci lässt sich sagen, dass die Performance sich im Bild nicht selbst überliefert, sondern sich in Texten, Erzählungen und fotografischen Fragmenten fortsetzt (vgl. Dogramaci 2018, S. 37). Die Arbeit bewegt sich damit im Zwischenraum von körperlichem Erleben, medialer Abwesenheit und nachträglicher Sichtbarkei
нещо, което се случва III, 2025
25 x 25 cm
Debbova x Bunnaensn

























